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Soziale Ungerechtigkeit für Berliner VHS-Lehrkräfte endlich beenden

ver.di-Aktion von VHS Dozentinnen und Dozenten für mehr soziale Absicherung vor dem Roten Rathaus.

Ein Handvoll Aktivist*innen von ver.di und der Berliner VHS-Dozent*innen-Vertretung, dazu ein paar Pappfiguren, die stellvertretend für viele hundert VHS-Dozierende stehen und ein paar Wortbeiträge für die Passant*innen für dem Roten Rathaus: Mit dieser Corona-konformen Performance haben am heutigen ver.di und Berliner VHS-Dozent*innen-Vertretung das erste Zeichen dafür gesetzt, dass die VHS-Lehrenden endlich korrekter beschäftigt und besser sozial abgesichert werden.

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Ö-Töne: Nutzung für Soziale Medien und PE

 

Aktion Soziale Absicherung für VHS-Dozent*innen 1/2021

Ö-Töne: Nutzung für Soziale Medien und PE

Die folgenden Zitate stammen nur von arbeitnehmerähnlichen Berliner VHS-Dozent*innen, die von dieser Arbeit hauptsächlich leben.

Wir widmen uns in der Aktion “Soziale Absicherung für VHS-Dozent*innen” drei Themen

  1. Krankheit
  2. Prekäre Beschäftigung/ Angst/ Willkür
  3. Familie

Das war unser vorgeschlagener Rahmentext für die Protestmails:

„Obwohl ich seit vielen Jahren für die VHS arbeite, erhalte ich immer nur kurzfristige Honorarverträge von wenigen Wochen und kann jederzeit meine Arbeit, meine Kurse verlieren – ohne Ausgleichszahlung oder Arbeitslosengeld.

Das bedeutet für mich persönlich: …“

Vorweg: Thema Stellenwert der Arbeit, Ausbildung und Qualifikation

+ “Bald werde ich meinen Masterabschluss im Fach “Deutsch als Fremd- und Fachsprache” der TU Berlin erhalten. Doch aufgrund der katastrophalen sozialen Lage von VHS-Dozent*innen sehe ich zurzeit keine Möglichkeit, in diesem Beruf zu arbeiten. Ich habe BaföG-Schulden aus dem Studium, die ich mit dem geringen und auch sehr unsicheren Gehalt nicht abbezahlen kann. Ebenso denke ich darüber nach, eine Familie zu gründen, aber auch diesen Schritt würde ich nicht gehen, wenn ich als selbstständige VHS-Dozentin arbeiten würde; es gibt keinerlei Regelungen zum Mutterschutz.

Ich bin zutiefst traurig, dass ich mich gezwungen sehe, meinen Traumberuf nicht auszuüben, weil der politische Wille fehlt, die soziale Lage der VHS-Dozent*innen zu verbessern.”

(Frau, unter 30. Daf/DaZ. 6 Monate VHS und mehrfach während des Studiums)

 

+ “Unsere Leistungen als VHS-Dozent*innen in der Erwachsenenbildung sind für die Gesellschaft sehr wertvoll. Im Januar diesen Jahres haben wir 100 Jahre Berliner Volkshochschulen entsprechend mit einer Feier im Roten Rathaus gewürdigt.

Ich habe eine fundierte Ausbildung mit langjähriger und vielseitiger Berufserfahrung im kreativen und pädagogischen Bereich. Ich bitte sehr darum, dass meine Qualifikation und die hohe Qualität meiner Arbeit für das Land Berlin wertgeschätzt wird und dass sich das auch in der sozialen Absicherung widerspiegelt.” (Dozentin, Nr. 22, Kultur)

 

+ “Ich mache meine Arbeit gerne, aus Überzeugung. Aus eigener Auslandserfahrung weiß ich, wie wichtig das Erlernen einer Sprache für das Ankommen in einem neuen Land ist. Ich habe mich bewusst dafür entschieden Erwachsene zu unterrichten und keine Kinder. Ich habe Arbeitserfahrung in anderen Bereichen innerhalb und außerhalb der Bildungsbranche im Inland und dem europäischen Ausland, einen Masterabschluss und zwei Ausbildungen.

Man sollte meinen, dass das in diesem Land genug wäre für finanzielle und soziale Absicherung, aber anscheinend ist dem nicht so. Wenn man nicht so richtig in eine der deutschen Schubladen passt, mit linearem Lebenslauf und dem einzig einen Karriereziel, hat man wohl schon den ersten Fehler gemacht. In einem humanistischen Bereich zu arbeiten ist der nächste Fehler. Dann noch ganz klischeehaft als weibliche Lehrkraft und dann noch alleinerziehend. Damit ist man praktisch dem sozialen Abstieg geweiht. Das ist zumindest das, was ich in den letzten Jahren gelernt habe.” 

(Dozentin, Nr. 24, Frau, Daf/DaZ, ca. 5 Jahre an der VHS)

 

 

 

  1. THEMA: Krankheit: 

 

+ “Ich habe ein Germanistik- und Romanistikstudium abgeschlossen und diverse längere Fortbildungen im Bereich Sonderpädagodik, Deutsch als Fremdsprache und Integrationskurse besucht. Unsere prekäre Situation mitsamt der Angst, eventuell keine Vertragsverlängerung zu bekommen, führt dazu, dass ich Anfang des Jahres nach einem Unfall nicht den Mut hatte, eine ReHa Zeit zu nehmen und eine solche rechtzeitig zu besuchen. In den Herbstferien tat ich es dann verspätet. So habe ich monatelang damit gezögert und jetzt bleibende Schäden… Eine erneute OP würde anstehen, geht Corona bedingt nicht und Angst vor Arbeitsverlust begleitet auch spätere Möglichkeiten.  (..)

Ich liebe meine Arbeit, aber mit über 65 gezwungen zu sein, dieses Risiko auf mich zu nehmen, empfinde ich als unwürdig für einen „Sozialstaat“, für den ich engagiert gearbeitet habe und arbeite.” 

(Dozentin, Nr. 8, ca. 65 + Jahre, Daf/DaZ, jahrelang an der VHS ) 

+ „Das heißt für mich ganz persönlich, dass ich keinerlei berufliche Sicherheit habe. Das ist ein Zustand, den ich als hochqualifizierte Akademikerin jeden Tag aushalte. Ich bin so gut wie nie krank und habe trotzdem Angst, dass ich bei einer eventuellen Erkrankung, sei es durch einen Unfall oder eine benötigte Kur, Reha, keine Einkünfte erhalten werde. Ich bin der Ansicht, dass ich eine wertvolle und wichtige Arbeit leiste, leider wird diese m. E. von der Politik kaum wahrgenommen und wenig wertgeschätzt. Gerade in diesen Zeiten sind unsere Kurse ein wichtiger Baustein für das friedliche Leben einer multikulturellen Gesellschaft hier in Berlin.” 

(Dozentin, Daf/DaZ,  50 + Jahre, Nr. 12)

 

+ ” Das heißt für mich ganz persönlich z. B., dass bei einer Erkrankung oder einer OP mit längerer Reha-Zeit meine Weiterbeschäftigung danach völlig ungesichert ist. Ganz allgemein bin ich der Meinung, dass die soziale Absicherung meiner Tätigkeit für das Land Berlin auch meinem Status als arbeitnehmerähnlicher Kursleiter entsprechen sollte, d.h. ähnlich der eines Arbeitnehmers sein sollte und nicht dem von Kolleg*innen entsprechen sollte, die diesen Status nicht haben, da sie nur nebenberuflich an der VHS tätig sind.” 

(Nr. 13, Dozent, 65+, >40 Jahre an Volkshochschulen in Berlin tätig, Programmbereich Fremdsprachen)

 

+”Ich liebe meine Tätigkeit und führe sie mit großer Leidenschaft aus. Meine gut gebuchten Kurse bestätigen, dass auch meinen Kursteilnehmer*innen Freude an meiner Arbeit haben. (…)

Das ganze Ausmaß des unternehmerischen Risikos (Krankheit, Kursausfälle usw.) trage ich trotz arbeitnehmerähnlicher Tätigkeit größtenteils allein. Absicherungen wie Ausgleichzahlungen oder Arbeitslosengeld fehlen. Für mich persönlich bedeutet das seit Jahren bei einer eigenen Erkrankung arbeiten bis zur Erschöpfung, denn einen finanziellen Ausfall kann ich mir nicht leisten. Bei Erkrankung eines meiner Kinder habe ich Honorarausfälle oder muss für kostenintensive Betreuung sorgen und kann mich selbst nicht um das erkrankte Kind kümmern. Die Corona-Pandemie verschärft die Situation nur, weil ich mit einer vielleicht harmlosen Erkältung gar nicht arbeiten darf bzw. mein Kind zuhause betreuen muss. Das bedeutet zusätzlich Stress. Operationen sind ohnehin nur mit knappen Zeitfenstern oder während der Ferien planbar. Rehazeiten sind nie spontan und nur in meiner Freizeit möglich.”  

(Dozentin, Nr. 22, Programmbereich Kultur)

 

+ “Jede Krankheit kann zu einem existenziellen Risiko werden, weil ich dadurch Kurse/Honorarzahlungen verliere und ein Wiedereinstieg oder Reha- bzw. Reintegrationsmaßnahmen weder gesichert noch vorgesehen sind. Zentrale Arbeitnehmer*innenrechte bleiben mir so verwehrt. Persönlich musste ich schon miterleben, wie ein allseits geschätzter Kollege aufgrund einer harmlosen, aber wiederkehrenden Erkrankung dauerhaft keine Honorarverträge mehr erhielt. Vertretungen zu organisieren bringe den Betrieb durcheinander … Natürlich blicke ich da mit großer Sorge auf einen möglichen eigenen Krankheitsfall und spüre diese Unsicherheit immer wieder stark. Diese Situation greift nicht nur mich an, sondern wirkt tief auf mein Umfeld, z.B. auf meine pflegebedürftige Mutter und andere Angehörige.”

(Dozent, Nr. 26, seit 4 Jahren an der VHS, keine Angabe zum Programmbereich) 

 

+ “Meine Arbeit begann mit der Jugendbildung, dann kam Alphabetisierung von jungen Erwachsenen und ich war in  meiner ganzen Berufstätigkeit am Aufbau von Grundbildungsangeboten engagiert tätig, habe jahrelang Kurse im Kreativen Schreiben geleitet und Deutsch als Fremdsprache unterrichtet sowie später in Integrationskursen beziehungsweise Deutsch-Elternkursen.

Die Arbeit ist stets inhaltlich interessant, abwechslungsreich und herausfordernd. So konnte ich jetzt zu Coronazeiten wichtige Informationen und Hilfestellung geben, incl. Einübung in Hygiene und Schutzmaßnahmen in allen meinen Angeboten leisten. Dieser Aspekt der Lebenshilfe und sozialen Integration in der Arbeit an Volkshochschulen ist von unschätzbarem Wert. (…)  

Nach einer Zäsur 2018 wegen einer schweren Erkrankung geriet bei mir alles in Schieflage.Nur wegen der finanziellen Unterstützung meines damals 90-jährigen Vaters habe ich das finanziell überlebt.Als ich wieder einsteigen wollte, fiel mir der Bereich der Integrationskurse völlig weg. In einem klärenden Gespräch bot man mir Ersatz in einem anderen Bereich an. Das nahm ich auch an, aber ich komme nicht mehr auf das Stundenpotential von vor meiner Erkrankung. (…) Ich bekam von den festen Mitarbeitern  Unterstützung, doch jetzt seit Corona ist ein weiterer Bereich weggefallen.”

(Dozentin Nr. 27, Frau, Grundbildung und DaZ, ca. 60, ca 30 Jahren an der VHS)

 

+ “Seit einigen Jahren leide ich an einer erblich bedingten Erkrankung. Das macht viele gesundheitliche Probleme und .schränkt meine Leistungsfähigkeit um 50% ein. Da es für Honorardozenten wie mich keine ausreichende Zahlung während krankheitsbedingten Ausfalls gibt, gehe ich tapfer zur Arbeit – egal wie stark die Schmerzen sind. Mein Mann hat aufgrund seines ungeklärten Status’ als Flüchtling keine Arbeitserlaubnis. Daher bin ich es, die allein die finanzielle Verantwortung für die Familie trägt. Wie lange meine Gesundheit mir noch erlaubt, zu arbeiten, hängt am seidenen Faden.”

(DozentIn  Nr. 32, DaF/DaZ, w, ca. 50 Jahre, 3 Jahre bei der VHS)

 

 

  1. THEMA Angst /Prekariat/ Willkür

+ “Wegen der coronabedingten Schließung und Überforderung der Mitarbeitenden an meiner VHS musste ich über 6 Monate (!) auf Honorare warten, für die ich längst die Leistung erbracht hatte. Auf Basis dieser Prekarität fußt der mangelnde Respekt mancher Direktor*innen und Verwaltungsangestellten für unsere finanzielle und (gerade in Pandemiezeiten!) gesundheitliche Sicherheit. Dabei gilt:je weniger Sorgen Kursleiter*innen selbst haben, desto geduldiger, kreativer und empathischer können sie sich den Lernenden widmen und die schwierige deutsche Grammatik erklären.” 

(Dozent, Nr. 17)

 

+ “Man lebt in ständiger Angst, die monatlich regelmäßig anfallenden Kosten nicht bezahlen zu können. Es ist nicht möglich genügend Reserven zu schaffen, um sich privat ausreichend abzusichern. Längere Verdienstausfälle durch nicht zustande kommende oder abgesagte Kurse oder längere Krankheitsphasen können jederzeit zum kompletten sozialen Absturz führen. (…)

Trotz guter akademischer Ausbildung ist man weniger sozial abgesichert als die Teilnehmenden unserer Deutschkurse. Wir sollen Menschen in Deutschland integrieren und werden als DozentInnen vom eigenen Land von der ausreichenden sozialen Absicherung ausgeschlossen. Das ist eine völlig absurde und frustrierende Situation und ein Armutszeugnis für einen angeblichen Sozialstaat. (…)

Es reicht einfach nicht, dass uns die Dankbarkeit unserer TeilnehmerInnen ohne Zweifel entgegengebracht wird. (…)

Unsere Selbstständigkeit wird lediglich zur Abwälzung des kompletten Risikos auf uns missbraucht. Man bekommt Angebote und kann diskussionslos zusagen oder auf noch schlechtere Arbeitsbedingungen bei anderen privaten Arbeitgebern ausweichen. (…) Da allen meinen KollegInnen und eben auch mir trotz aller widrigen Umstände unsere Aufgabe am Herzen liegt, wollen wir uns nicht nach einem anderen Betätigungsfeld erkundigen, sondern einfach nur dafür kämpfen, die Arbeitsbedingungen und vor allem die Möglichkeit der sozialen Absicherung für uns zu verbessern.”

(Dozentin, Nr. 19, Daf/Daz, viele Jahre an der VHS)

+ “Das heißt für mich ganz persönlich, dass ich durch die Abhängigkeit von kurzfristigen Honorarverträgen täglich von einzelnen Mitarbeitern abhängig bin und mich dadurch in einem Dauerzustand existenzieller Angst befinde. Ich kann jederzeit ohne Einkommen dastehen – trotz äußerst engagierter Pflege meiner selbstständigen Tätigkeit. Dieser Dauerzustand existentieller Angst greift meine Gesundheit immer mehr an.”

(Dozent, Nr. 23, Programmbereich Fremdsprachen, ca. 20 Jahre an der VHS)

+ “ARBEIT WEG

Obwohl ich seit knapp drei Jahren für die VHS arbeite, erhielt ich immer nur kurzfristige Honorarverträge von wenigen Wochen und habe Mitte Dezember meine Arbeit verloren,

weil unsere Räumlichkeiten unter Corona-Bedingungen zu wenige Kursteilnehmer*innen aufnehmen können, um den Vorgaben des Geldgebers zu genügen – ohne Ausgleichszahlung oder Arbeitslosengeld. 

UNSICHERHEIT

Ich bin alleinerziehend und lebe in ständiger Unsicherheit, ob der nächste Kurs stattfindet oder nicht. Ich bin komplett vom Willen meines Programmbereichsleiters abhängig und egal, wie lange ich arbeite, gibt es keine Sicherheit oder Arbeitsrechte. In anderen Sparten muss nach 2 Jahren ein fester Arbeitsvertrag her, nicht jedoch hier! Andererseits möchte die VHS auch nicht einen Tag vor Vertragsabschluss erfahren, dass ich den nächsten Kurs nicht mehr geben werde.” (…)

UNGERECHTFERTIGTER VERDIENST TROTZ LANGEM STUDIUMS/SCHWIERIGER ARBEIT

Ich habe einen Masterabschluss und in Kürze einen zweiten, also 7 Jahre an einer Universität verbracht, und auch sehr gute Abschlüsse. Ich verdiene nach allen Abzügen nach Berechnung einer Gewerkschaft weniger als eine Facharbeiterin, dabei müsste ich eigentlich Tarifgruppe 13 erhalten, zumal die Bedingungen nicht die einfachsten sind. So wurde in meiner Gruppe neben den Klein- und Kleinstkindern unterrichtet, die einen hohen Geräuschpegel verursachen und die während des Unterrichtes gestillt wurden.

Die derzeitige Situation bedeutet für mich PERSÖNLICH

  • Ich bin wieder ganz und gar mit meinem Sohn beim Jobcenter, diesmal mit weniger Hoffnung auf eine neue Arbeit als zuvor (Corona).         
  • Ich  muss arm sein oder einen Gutverdiener heiraten, bleibe somit immer von einem Mann abhängig.         
  • Ich kann keinen Kredit aufnehmen, weder für ein kleines Auto noch für eine Wohnung, also auch keine solche Altersabsicherung betreiben oder mein tägliches Leben erleichtern. Dies wiederum bedeutet, dass ich schon heute absehen kann, dass ich mein Leben lang beim Jobcenter bleibe, wenn ich nicht umsattle: eine für mich sehr bittere Erkenntnis.
  • Ich werde den Staat noch ein drittes Studium kosten, das ich diesmal so auswähle, dass ich hinterher davon leben kann.”

(…)

Wir arbeiten genauso hart wie andere Lehrkräfte (Lehramt an Schulen) und haben auch so lange studiert. Wer nachvollziehen kann, dass wir keine Drucksache, sondern Menschen mit echten Lebenswegen sind, ermisst sicher, wie wertvoll eine Änderung der Situation ist.

(Dozentin Nr 31, DaZ, seit drei Jahren an der VHS)

+ “Seit genau 30 Jahren begleitet mich die Angst vor Krankheit oder anderen Umständen des Nicht-Arbeiten-Könnens, denn ich habe immer nur Honorarverträge für einzelne Deutschkurse von jeweils 5 oder 6 Wochen. Seit 30 Jahren arbeite ich zuverlässig aber ununterbrochen prekär, ohne die Möglichkeit auf Arbeitslosengeld, Kündigungsschutz oder bezahlte Weiterbildung. Ich habe eine akademische Ausbildung und entsprechende Lizenzen für das BAMF, habe schon Generationen von Migranten Deutsch unterrichtet und ich finde, dass wir Dozent*innen mehr als einen unsicheren Hilfsjob verdient haben. 

Die Sprachvermittlung ist der erste und wichtigste Schritt für die Integration. Diese Arbeit wird staatlicherseits gewollt und von uns durchgeführt. ”

(Dozentin Nr. 33, Frau / 60 + / seit 30 Jahren im Programmbereich DaF/DaZ)

 

+ “Im Januar 2020 wurde plötzlich eine neue Kursleiterin beschäftigt. Ich habe nur mit Mühe die Kursanzahl für das Semester 2021 gehalten, aber für den Sommer weniger Kurse, als ich vorschlagen hatte. Andererseits wurden der neuen Kursleiterin unglaublich viele Kurse gegeben. Da wächst meine Angst. Durch viele andere Erfahrungen mit meiner Programmleitung muss ich befürchten, dass sie mich wegen meines Alter nicht mag. 

Ich finde es auf jedem Fall ungerecht, wegen des Alters oder persönlichen Geschmacks oder des Aussehens in meiner sozialen und finanziellen Lage bedroht zu werden!”

(Dozentin Nr. 35, Fremdsprachen, über 50 Jahre)

+ “Das heißt für mich ganz persönlich, dass ich in der Kursvergabe täglich von einzelnen VHS-Mitarbeitern abhängig bin. Das Risiko eines ausgefallenen Kurses muss ich alleine tragen und zu einem Kursausfall kann es kurzfristig kommen. Dieser Zustand bedeutet für mich permanente Existenzangst und Dauerstress. Da das meine Gesundheit angreift, überlege ich nun ernsthaft, ob ich diese Arbeit in Zukunft weiterhin ausführen kann. Ich liebe diese Arbeit und versuche ihr mit Sorgfalt nachzukommen. Nur ungern würde ich sie aufgeben. 

Vor Jahren habe ich mit Enthusiasmus an der VHS zu lehren begonnen. Mit der Zeit aber konnte ich beobachten, wie der Einsatz sozial nicht abgesicherter Lehrkräfte die Qualität der Erwachsenenbildung enorm mindert. (…)

Wie gut könnte die Qualität der Erwachsenenbildung sein, wenn das Potential der ProtagonistInnen genutzt und sie nicht ausgebeutet würden.

(Dozentin Nr 36 – Weiblich, 45+ Jahre, DaZ/ Alphabethisierung, seit ca. 4 Jahren für die VHS)

  1. THEMA: Familie: 

+ “Wenn Familie einen so hohen Stellenwert hat, wie es von der Politik propagiert wird, dann muss sich dies auch in der Praxis von arbeitnehmerähnlichen Freiberuflern widerspiegeln. Auch wir sollten uns um unsere Babys kümmern können, ohne Angst haben zu müssen, nach einer Babypause unser Stundenkontingent nicht wiederzubekommen. Und wir sollten nicht darum betteln müssen, sondern einen Anspruch darauf haben.”

(Dozent, Nr. 3; Mann, Anfang 40, seit 5 Jahren an der VHS, DaZ 

+ “Ich habe zwei kleine Kinder (1 und 2 Jahre alt). Wie soll ich meine Familie ernähren und unsere Miete zahlen, wenn das Einkommen plötzlich wegfällt? Ist das der Dank dafür, dass ich und viele meiner Kolleginnen viele Jahre studiert haben? Das vermitteln der Sprache und Kultur ist ein wichtiger Schlüssel zur Integration in unserer Gesellschaft.” 

(Dozentin, Nr. 10, DaZ, seit ca. 14 Jahren an der VHS)

 

+”Seit 2,5 Jahren bin ich alleinerziehende Mutter, was die Situation nur noch verschlimmert hat. Zuerst konnte ich nur in sehr eingeschränktem Stundenumfang arbeiten, weil es keinen Kita-Platz für meine Tochter gab. Als sie mit 1,5 Jahren endlich einen Kita-Platz hatte, gab es für mich kein Arbeitsangebot zu Zeiten, die durch die Kita-Öffnungszeiten abgedeckt wurden.

Mittlerweile unterrichte ich einen Vormittags- und einen Abendkurs. Für den Abendkurs bezahle ich den Babysitter selbst. Ich opfere also gut 20% (teilweise mehr) meines Honorars,  um im Geschäft bleiben zu können. Das gleiche gilt für meine Prüfertätigkeit am Wochenende für den Deutsch-Test für Zuwanderer. Die Möglichkeit, die ergänzende Kindertagespflege mit der entsprechenden Finanzierung über das Jugendamt in Anspruch zu nehmen, ist bisher an der absurden Bürokratie, die dahintersteckt, gescheitert. So ist das mit vielen der existierenden sogenannten ‚Hilfen‘ für Alleinerziehende.

Darüber hinaus ist es schon schwierig als Honorarkraft länger als ein paar Tage krank zu sein. Die Situation verschärft sich allerdings drastisch, wenn man zusätzlich zu den eigenen Krankheitstagen wegen eines kranken Kindes zu Hause bleiben muss. (…) Durch die derzeitige Pandemie hat sich die Lage noch weiter zugespitzt, da die Kinder mit Erkältungssymptomen sofort der Kita fernbleiben müssen.”

(Dozentin, alleinerziehend, Nr. 24, Daf/DaZ, seit ca. 5 Jahren an der VHS)

+ “Als meine Mutter nach einem schweren Verkehrsunfall schwer pflegebedürftig wurde, hatte ich keinen Anspruch auf Pflegezeit, um die häusliche Betreuung zu organisieren. Ich musste eine unbezahlte Auszeit nehmen und zittern, danach wieder Verträge an der VHS zu bekommen. Ich hatte Glück mit meiner Programmbereichsleitung, die Verständnis zeigte und mich anschließend weiterbeschäftigte. Ich weiß aber von anderen Kolleg*innen, denen an ihrer VHS gesagt wurde,aus organisatorischen Gründen sei das leider nicht möglich.”

(Dozentin Nr, 35, Daf/DaZ, seit ca. 6 Jahren an der VHS, ca. 50 Jahre)

Einladung zum Presse-Hintergrundgespräch: Die dramatische Situation der Lehrenden an den zwölf Berliner Volkshochschulen

Seit vierzehn Jahren engagieren sich die in der Regel akademisch ausgebildeten, aber prekär beschäftigten Berliner VHS-DozentInnen mit der Unterstützung von ver.di für faire Arbeits- und Tarifbedingungen. Diese Lehrenden leisten einen wichtigen Betrag zur Integration von Zugewanderten und in anderen Bereichen der Erwachsenenbildung wie beruflicher Bildung und Grundbildung, Fremdsprachen und Alphabetisierung. Aber auch arbeitnehmerähnliche Lehrende, die von dieser Arbeit leben und etwa zwei Drittel des VHS-Unterrichts geben, erhalten nur kurzfristige Wochenverträge. Sie können jederzeit ihre Arbeit verlieren – ohne Arbeitslosengeld und Ausgleichszahlungen. Dies ist nach dem ersten Corona-Lockdown vielfach geschehen.

Wir haben hier für Sie einige Hintergrundmaterialien gesammelt und bieten es in einem Faktenpapier zum Download an:

Offener Brief: VHS Friedrichshain-Kreuzberg: Skandalöse Zustände im Deutschbereich. Noch keine Kurse für Herbst geplant/ Dozent*innen über Monate ohne Einnahmen!

Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister Müller,
sehr geehrte Frau Senatorin Scheeres,
sehr geehrte Frau Senatorin Breitenbach,

wir möchten Sie über skandalöse Zustände im Deutschbereich an der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg (FK) informieren und bitten Sie um Unterstützung. Obwohl an anderen Berliner Volkshochschulen bereits Anfang Juli neue Kurse – mit Coronaregeln – gestartet sind, liegt der wichtige Deutschbereich, der sonst weit mehr über die Hälfte der Unterrichtstunden ausmacht, an der VHS FK brach. Wir Dozent*innen befürchten, dass die Krise noch Monate dauern wird. Das bedeutet: keine neuen Kurse im Bereich Integration und kein Geld für die freiberuflichen Lehrkräfte.

Die betroffenen Kolleg*innen haben sich bereits an ihre Bezirkspolitiker*innen gewandt. Aber auf Bezirksebene ist keine Lösung in Sicht.

Die meisten Berliner Volkshochschulen bieten nach der Corona-Schließung seit dem 1. Juni wieder Sprachberatungen, Niveau-Einstufungen und Anmeldungen in Präsenz an. An der VHS Friedrichshain- Kreuzberg finden hingegen im Deutschbereich bis Ende August keine Anmeldungen und Einstufungen statt. Betroffen sind alle neuen Deutschkurse, die bundesfinanzierten Integrationskurse und auch Deutschkurse für Eltern und Geflüchtete und andere Angebote – sowie ca. 80 Kursleitende.

Den Dozent*innen gegenüber wird die Verschiebung mit der personellen Situation im Deutschbereich begründet. Die Programmbereichsleiterin ist seit Mitte Juni abwesend. Außerdem gab es Kündigungen und Krankmeldungen beim angestellten Büropersonal.  Vertretungslösungen sind nicht vorgesehen.

Eine Kursplanung für das Herbstsemester gibt es nicht. In der Praxis bedeutet das, dass viele Kurse auch Anfang September noch nicht beginnen können. Denn hierfür ist ein zeitlicher Vorlauf mit Einstufungstests und individueller Beratung von mehreren Wochen nötig, um die Kurse zu füllen.

  • Damit stehen die Dozent*innen, die pandemiebedingt bis Ende Juni Ersatzzahlungen bekommen haben, ab 1. Juli bis auf Weiteres ohne Einkommen da.
  • Die Teilnehmer*innen haben keine Kursangebote mehr in ihrem Stadtteil. Migrant*innen können hier nicht Deutsch lernen.
  • Der VHS FK entgehen die Drittmittel durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für die Integrationskurse.
  • Auch der Bezirk FK wird künftig mit weniger finanziellen Zuteilungen vom Senat rechnen müssen, wenn die Unterrichtseinheiten in der VHS 2020 reduziert werden.

Von der längerfristigen Aussetzung der Kurse sollten zunächst sogar die noch vor der Pandemie begonnenen und am 14. März lediglich unterbrochenen Integrations- und Berufssprachkurse des BAMF betroffen sein. Dementsprechend wurden Teilnehmer*innen und Dozent*innen informiert. Erst nach Drängen der Dozent*innen finden diese Restkurse derzeit doch statt. Allerdings nur noch mit sehr wenigen Teilnehmer*innen. Viele Teilnehmende, so berichten Kursleiter*innen, sind der Vertröstungen und Terminverschiebungen überdrüssig. Sie lernen anderswo weiter oder gar nicht.

Die Dozent*innen aus FK haben der VHS-Leitung ihre Unterstützung angeboten. Eine Antwort darauf bekamen sie nicht. Auch die Bitte nach einer Konferenz wurde abschlägig beschieden.

 

Darüber hinaus gibt es folgende Probleme:

1. Arbeitsplatzabbau

Coronabedingt dürfen wegen der Abstandregeln nur deutlich weniger Teilnehmende in einem Unterrichtsraum anwesend sein. Viele Volkshochschulen haben daher ihre Kurse verkleinert, so dass ein*e Dozent*in gegenüber früher weniger Lernende betreut. Die VHS Friedrichshain-Kreuzberg will hingegen in Integrationskursen eine*n Kursleitende*n dazu verpflichten, in zwei Räumen gleichzeitig einen großen Kurs zu unterrichten. Aufgrund des begrenzten Raumangebots befürchten wir einen Arbeitsplatzabbau im Präsenzunterricht.

2. Verzichtserklärung

Wie rüde der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit Kursleitenden in der Corona-Krise umgeht, zeigt sich auch an einem neuen Passus in den Honorarverträgen seit Mitte Juli. Die Dozent*innen müssen unterschreiben, es werde grundsätzlich kein Honorar oder Ausfallhonorar fällig, „wenn die jeweils gültige SARS-COV-2-Eindämmungsverordnung den Präsenzunterricht (am Tag eines Kurses/Unterrichts) verbieten bzw. nicht zulassen“. Mit anderen Worten: Selbst wenn der Finanzsenator, wie vom 14. März bis 30. Juni geschehen, ermöglicht, dass die Dozent*innen Ausfallzahlungen erhalten können oder das BAMF Ausfallmittel durch SodEG (Sozialdienstleister-Einsatzgesetz) bereitstellt, gehen die Dozent*innen in Friedrichshain-Kreuzberg leer aus. Eine solche Verzichtserklärung wird nur von dieser Berliner VHS verlangt.

3. Arbeitsklima
Zudem belastet ein Arbeitsklima der Angst den Deutschbereich. 2019 wurde eine Deutschkollegin in FK nach 27-jähriger Tätigkeit von heute auf morgen per E-Mail ohne ein Gesprächsangebot rausgeworfen. Vorausgegangen war eine Meinungsverschiedenheit mit dem damaligen Programmbereichsleiter und jetzigen VHS-Direktor. Gute Kommunikation, die früher mit anderem Leitungspersonal möglich war, findet nicht mehr statt. Da Dozent*innen auch nach jahrelanger Beschäftigung immer nur kurzfristige Honorarverträge für Wochen erhalten, sind sie vom Wohlwollen der VHS-Führungskräfte abhängig.

Das Motto an der VHS Friedrichshain-Kreuzberg lautet: Friss oder stirb. „Verbindliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit ist uns wichtig“, heißt es im Leitbild der Berliner Volkshochschulen. Nur Sonntagsreden in diesem Fall.

Und jetzt droht dazu Kursleitenden wegen schlechten Managements ein monatelanger Einkommensausfall oder sogar der Verlust der Erwerbsgrundlage.

Wertschätzung von langjährig freiberuflichen Mitarbeiter*innen und Solidarität in einer alle Menschen beängstigenden Pandemie sehen anders aus.

 

Das Verhalten des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg steht der Absicht der Berliner Regierung diametral entgegen. Sie hat sich im Regierungsprogramm für eine bessere soziale Absicherung der Volkshochschuldozent*innen ausgesprochen. Dieses Anliegen wurde vom Berliner Abgeordnetenhaus in dem Beschluss „Mehr soziale Sicherheit für VHS-Dozent*innen“ am 04.06.2020 bekräftigt. Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass die Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg bald wieder zu einer Institution wird, die ihren öffentlichen Auftrag in der Erwachsenenbildung erfüllt.

Wir wollen eine VHS, die ausreichende Kursangebote im Bezirk anbietet und die fair mit angestellten und freiberuflichen Mitarbeiter*innen umgeht.

 

Mit freundlichen Grüßen

Berliner VHS-Dozent*innen-Vertretung
i. A. Linda Guzzetti, Dieter Hartmann, Mira Köller, Beate Strenge
unterstützt von André Pollmann, ver.di Berlin-Brandenburg, Fachbereich Bildung, Wissenschaft, Forschung
T: +49 30 8866 – 5304 – andre.pollmann@verdi.de

 

Fotostrecke und Bericht zu unserer Unterrichtsstunde für den Berliner Finanzsenator

Am Freitag, dem 29. März 2019, gaben ca. 50 VHS-Dozent*innen und Musikschullehrkräfte mit ihren Instrumenten dem Finanzsenator eine Unterrichtsstunde unter seinem Bürofenster in der Klosterstraße.

Ziel der Aktion ist der Umsetzung der Forderung „Tarifvertrag für freie Mitarbeiter/innen an den Berliner Musikschulen und Volkshochschulen“ Nachdruck zu verleihen. Die Zusage für diese Tarifverträge und damit die Verbesserung der sozialen Lage der Berliner Musikschullehrkräfte und VHS-Dozent*innen erfolgte bereits 2017 in der vom Abgeordnetenhaus beschlossenen Richtlinie zur Berliner Regierungspolitik für die laufende Legislaturperiode. Dies wurde aber bis heute nicht umgesetzt. Die dazu notwendige Verhandlungsaufnahme wurde der Gewerkschaft ver.di mehrfach verweigert. ver.di fordert für die VHS-Dozent*innen weitere spürbare Honorarerhöhung und Vereinbarungen zur Verbesserung der sozialen Lage für die ca. 3.000 VHS-Dozent*innen. Ab heute wird jetzt in regelmäßigen Abständen am Freitag von 10.00 bis 10.45 Uhr dem Finanzsenator eine Unterrichtsstunde erteilt. Die nächsten Termine sind der 12. April und 3. Mai 2019.

Fotos: Christian v. Polentz, transit.fotografie und reportage

“Dem Senat den Marsch blasen!”: Fotos von der Kundgebung am 4. Mai 2018

Die Berliner Musikschullehrer*innen und VHS-Dozent*innen forderten Finanzsenator Kollatz-Ahnen (SPD) am 4. Mai 2018 in einer Kundgebung auf, in seiner Funktion als TdL-Vorsitzender endlich den Weg für Tarifverhandlungen zu eröffnen.

Einige Impressionen von der Kundgebung gibt es unten in unserer Bildergalerie. 

(Fotos: Christian v. Polentz/transit. fotografie und reportage)

Weltlehrertag 2017 – Prekäre Arbeit im öffentlichen Auftrag muss beendet werden

Anlässlich des Weltlehrertages haben heute 70 Honorarlehrkräfte vor dem Brandenburger Tor demonstriert. „Bei Wasser und Brot“ wiesen die Lehrkräfte an Musikschulen, Volkshochschulen, in Sprach- und Integrationskursen und an Hochschulen auf ihre prekären Arbeitsverhältnisse hin.

„Wir wollen nicht länger wie Lehrkräfte zweiter Klasse behandelt werden“ sagte Linda Guzzetti, Sprachlehrbeauftragte und Sprecherin des Bündnisses der Honorarlehrkräfte. „Wir fordern eine Entlohnung analog zu der Bezahlung fest angestellter Lehrkräfte.“

Beate Strenge, VHS-Dozent*innensprecherin betonte: „Es kann nicht angehen, dass an den Berliner Volkshochschulen gleiche Arbeit ungleich vergütet wird. Alle akademischen Lehrkräfte müssen ab Januar 2018 mindestens  35 Euro zuzüglich der Sozialzuschläge für eine Unterrichtseinheit bekommen. So wie es bereits in den bundesfinanzierten Integrationskursen an der VHS der Fall ist – nicht aber in den vielen anderen Deutschkursen oder in Fremdsprachenkursen, in denen wir nach dem Berliner VHS-Honorar etwa 20 Prozent weniger verdienen. Der Senat muss endlich rot-rot-grüne Farbe bekennen und – wie angekündigt – unsere Honorare erhöhen. Wir können nicht auf den nächsten Doppelhaushalt 2020/21 warten.“

In einer Erklärung wiesen die Dozent*innen darauf hin, dass sie im besten Fall halb so viel verdienen wie fest angestellte Lehrkräfte mit vergleichbarer Tätigkeit. Nach 30 Jahren Vollzeitarbeit erwartet eine Honorarlehrkraft eine Rente von rund 600 Euro im Monat. Honorarbeschäftigte bekommen außerhalb von VHS und Musikschulen keine Arbeitgeberzuschüsse zur Krankenversicherung und zur Rentenversicherung. Auch gegen Lohnausfälle durch Krankheit sind sie meist nicht abgesichert.

„Es muss endlich Schluss sein mit prekärer Arbeit im öffentlichen Auftrag. Deshalb erwarten wir vom Senat, dass er für die Musikschulen und Volkshochschulen die in Aussicht gestellten Tarifverhandlungen möglich macht“, forderte André Pollmann, ver.di-Landesfachbereichsleiter Bildung, Wissenschaft und Forschung.

Susanne Stumpenhusen, Vorsitzende von ver.di Berlin-Brandenburg, sagte:„Honorarlehrkräfte sollten im Regelfall fest angestellt werden. Zumindest muss das Honorar äquivalent zur Entlohnung fest angestellter Lehrkräfte sein.“ Dazu muss der Senat die notwendigen Mittel bereit stellen und entsprechend auf die Hochschulen sowie auf die Bezirke, die Träger der Musikschulen und Volkshochschulen sind, einwirken. Auch das Bundesministerium des Inneren als Auftraggeber der Integrationskurse für Migrant_innen sehen die Gewerkschaften weiter in der Pflicht.

Hintergrund:

Der Weltlehrertag wird jedes Jahr am 5.Oktober begangen und erinnert an die „Charta zum Status der Lehrerinnen und Lehrer“, die 1964 von der UNESCO beschlossen wurde. Die Charta sieht vor, dass alle Lehrkräfte die gleiche oder eine gleichwertige soziale Absicherung genießen sollen, unabhängig von der Art der Schulen oder Kurse, in denen sie unterrichten.

Zur Aktion am heutigen Weltlehrertag hat die Koordination der Berliner Honorarlehrkräfte – mit Unterstützung von ver.di Berlin-Brandenburg, GEW BERLIN und Deutsche Orchester-Vereinigung (DOV) aufgerufen: https://www.vhs-tarifvertrag.de/wordpress/wp-content/uploads/Weltlehrertag_2017_Web.pdf

In der Koordination der Berliner Honorarlehrkräfte sind vertreten: AG Lehrbeauftragte der GEW BERLIN, die Berliner VHS-Dozent*innen-Vertretung, die Bundeskonferenz der Sprachlehrbeauftragten (BKSL), das Bündnis Daf/DaZ-Lehrkräfte, die Dozent*innen der Freien Träger und Freie am Goethe-Institut, die Landeslehrervertretung der Berliner Musikschulen sowie die ver.di-Fachgruppe Musik.

[Presseerklärung] Weltlehrertag, 05.10.2017 Prekäre Arbeit im öffentlichen Auftrag muss beendet werden Anlässlich des Weltlehrertages haben heute 70 Honorarlehrkräfte vor dem Brandenburger Tor demonstriert. „Bei Wasser und Brot“ wiesen die Lehrkräfte an Musikschulen, Volkshochschulen, in Sprach- und Integrationskursen und an Hochschulen auf ihre prekären Arbeitsverhältnisse hin.

https://bb.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++ae213ab2-a9bf-11e7-9e23-52540066e5a9

[Interview] Junge Welt, 05.10.2017

Große Diskrepanzen zwischen den Ländern – Honorarlehrkräfte fordern Verbesserungen der Arbeitsbedingungen von Dozenten. Gespräch mit André Pollmann https://www.jungewelt.de/m/artikel/319418.große-diskrepanzen-zwischen-den-ländern.html

[Aufruf und Programmatik] Der gewerkschaftliche Aufruf zum Weltlehrertag, mit weiteren interessanten Details:

https://www.vhs-tarifvertrag.de/wordpress/wp-content/uploads/Weltlehrertag_2017_Web.pdf

Umfrage der VHS-Dozent*innen – Ergebnisse

95 % der Dozent*innen sind für einen VHS-Tarifvertrag!

279 VHS-Dozent*innen haben sich an der VHS-Tarif-Umfrage beteiligt. Vielen Dank!
95 % vertrauen ver.di (den Gewerkschaften) und beauftragen sie, Tarifverhandlungen zu führen. Ein klares Ergebnis.

Top. 1:Die Erhöhung der Honorare bekam die meisten Punkte bei der Priorisierung der neun Tarifziele. Die von uns vorgeschlagene Sofortmaßnahme 35 Euro pro Unterrichtseinheit für alle halten 243 Dozent*innen für besonders wichtig. Mit der Sofortmaßnahme soll aber nicht Schluss sein: 247 Dozent*innen wollen ein Honorar entsprechend dem Tarifniveau des Landes Berlin (TV-L Berlin) für vergleichbare Beschäftigte (z.B. im Sprachbereich der Entgeltgruppe 11, ca. 60 Euro pro UE).

Top. 2 ist die «Option auf Festanstellung» – allerdings mit deutlich weniger Punkten.

Hier findet Ihr alle Diagramme der Auswertung unserer Befragung vom Februar und März 2017.

Aktion am 2. November 2016: „Der Spuk ist noch nicht vorbei“

200 Personen nahmen unter dem Motto “Der Spuk ist noch nicht vorbei” an der Kundgebung vor dem Roten Rathaus teil.

Mit dieser Kundgebung von ver.di und GEW erinnern die prekär Beschäftigten die für Einrichtungen von Wissenschaft und Bildung die Teilnehmer*innen der Koalitionsverhandlungen an ihre Wahlversprechen. Alle aktuell verhandelnden Parteien hatten sich im Wahlkampf für einen Abbau von prekärer Beschäftigung und tariffreien Zonen im Land Berlin ausgesprochen.

5. Oktober 2016: Fotos und Berichte