Offener Brief: VHS Friedrichshain-Kreuzberg: Skandalöse Zustände im Deutschbereich. Noch keine Kurse für Herbst geplant/ Dozent*innen über Monate ohne Einnahmen!

By | 5. August 2020

Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister Müller,
sehr geehrte Frau Senatorin Scheeres,
sehr geehrte Frau Senatorin Breitenbach,

wir möchten Sie über skandalöse Zustände im Deutschbereich an der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg (FK) informieren und bitten Sie um Unterstützung. Obwohl an anderen Berliner Volkshochschulen bereits Anfang Juli neue Kurse – mit Coronaregeln – gestartet sind, liegt der wichtige Deutschbereich, der sonst weit mehr über die Hälfte der Unterrichtstunden ausmacht, an der VHS FK brach. Wir Dozent*innen befürchten, dass die Krise noch Monate dauern wird. Das bedeutet: keine neuen Kurse im Bereich Integration und kein Geld für die freiberuflichen Lehrkräfte.

Die betroffenen Kolleg*innen haben sich bereits an ihre Bezirkspolitiker*innen gewandt. Aber auf Bezirksebene ist keine Lösung in Sicht.

Die meisten Berliner Volkshochschulen bieten nach der Corona-Schließung seit dem 1. Juni wieder Sprachberatungen, Niveau-Einstufungen und Anmeldungen in Präsenz an. An der VHS Friedrichshain- Kreuzberg finden hingegen im Deutschbereich bis Ende August keine Anmeldungen und Einstufungen statt. Betroffen sind alle neuen Deutschkurse, die bundesfinanzierten Integrationskurse und auch Deutschkurse für Eltern und Geflüchtete und andere Angebote – sowie ca. 80 Kursleitende.

Den Dozent*innen gegenüber wird die Verschiebung mit der personellen Situation im Deutschbereich begründet. Die Programmbereichsleiterin ist seit Mitte Juni abwesend. Außerdem gab es Kündigungen und Krankmeldungen beim angestellten Büropersonal.  Vertretungslösungen sind nicht vorgesehen.

Eine Kursplanung für das Herbstsemester gibt es nicht. In der Praxis bedeutet das, dass viele Kurse auch Anfang September noch nicht beginnen können. Denn hierfür ist ein zeitlicher Vorlauf mit Einstufungstests und individueller Beratung von mehreren Wochen nötig, um die Kurse zu füllen.

  • Damit stehen die Dozent*innen, die pandemiebedingt bis Ende Juni Ersatzzahlungen bekommen haben, ab 1. Juli bis auf Weiteres ohne Einkommen da.
  • Die Teilnehmer*innen haben keine Kursangebote mehr in ihrem Stadtteil. Migrant*innen können hier nicht Deutsch lernen.
  • Der VHS FK entgehen die Drittmittel durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für die Integrationskurse.
  • Auch der Bezirk FK wird künftig mit weniger finanziellen Zuteilungen vom Senat rechnen müssen, wenn die Unterrichtseinheiten in der VHS 2020 reduziert werden.

Von der längerfristigen Aussetzung der Kurse sollten zunächst sogar die noch vor der Pandemie begonnenen und am 14. März lediglich unterbrochenen Integrations- und Berufssprachkurse des BAMF betroffen sein. Dementsprechend wurden Teilnehmer*innen und Dozent*innen informiert. Erst nach Drängen der Dozent*innen finden diese Restkurse derzeit doch statt. Allerdings nur noch mit sehr wenigen Teilnehmer*innen. Viele Teilnehmende, so berichten Kursleiter*innen, sind der Vertröstungen und Terminverschiebungen überdrüssig. Sie lernen anderswo weiter oder gar nicht.

Die Dozent*innen aus FK haben der VHS-Leitung ihre Unterstützung angeboten. Eine Antwort darauf bekamen sie nicht. Auch die Bitte nach einer Konferenz wurde abschlägig beschieden.

 

Darüber hinaus gibt es folgende Probleme:

1. Arbeitsplatzabbau

Coronabedingt dürfen wegen der Abstandregeln nur deutlich weniger Teilnehmende in einem Unterrichtsraum anwesend sein. Viele Volkshochschulen haben daher ihre Kurse verkleinert, so dass ein*e Dozent*in gegenüber früher weniger Lernende betreut. Die VHS Friedrichshain-Kreuzberg will hingegen in Integrationskursen eine*n Kursleitende*n dazu verpflichten, in zwei Räumen gleichzeitig einen großen Kurs zu unterrichten. Aufgrund des begrenzten Raumangebots befürchten wir einen Arbeitsplatzabbau im Präsenzunterricht.

2. Verzichtserklärung

Wie rüde der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit Kursleitenden in der Corona-Krise umgeht, zeigt sich auch an einem neuen Passus in den Honorarverträgen seit Mitte Juli. Die Dozent*innen müssen unterschreiben, es werde grundsätzlich kein Honorar oder Ausfallhonorar fällig, „wenn die jeweils gültige SARS-COV-2-Eindämmungsverordnung den Präsenzunterricht (am Tag eines Kurses/Unterrichts) verbieten bzw. nicht zulassen“. Mit anderen Worten: Selbst wenn der Finanzsenator, wie vom 14. März bis 30. Juni geschehen, ermöglicht, dass die Dozent*innen Ausfallzahlungen erhalten können oder das BAMF Ausfallmittel durch SodEG (Sozialdienstleister-Einsatzgesetz) bereitstellt, gehen die Dozent*innen in Friedrichshain-Kreuzberg leer aus. Eine solche Verzichtserklärung wird nur von dieser Berliner VHS verlangt.

3. Arbeitsklima
Zudem belastet ein Arbeitsklima der Angst den Deutschbereich. 2019 wurde eine Deutschkollegin in FK nach 27-jähriger Tätigkeit von heute auf morgen per E-Mail ohne ein Gesprächsangebot rausgeworfen. Vorausgegangen war eine Meinungsverschiedenheit mit dem damaligen Programmbereichsleiter und jetzigen VHS-Direktor. Gute Kommunikation, die früher mit anderem Leitungspersonal möglich war, findet nicht mehr statt. Da Dozent*innen auch nach jahrelanger Beschäftigung immer nur kurzfristige Honorarverträge für Wochen erhalten, sind sie vom Wohlwollen der VHS-Führungskräfte abhängig.

Das Motto an der VHS Friedrichshain-Kreuzberg lautet: Friss oder stirb. „Verbindliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit ist uns wichtig“, heißt es im Leitbild der Berliner Volkshochschulen. Nur Sonntagsreden in diesem Fall.

Und jetzt droht dazu Kursleitenden wegen schlechten Managements ein monatelanger Einkommensausfall oder sogar der Verlust der Erwerbsgrundlage.

Wertschätzung von langjährig freiberuflichen Mitarbeiter*innen und Solidarität in einer alle Menschen beängstigenden Pandemie sehen anders aus.

 

Das Verhalten des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg steht der Absicht der Berliner Regierung diametral entgegen. Sie hat sich im Regierungsprogramm für eine bessere soziale Absicherung der Volkshochschuldozent*innen ausgesprochen. Dieses Anliegen wurde vom Berliner Abgeordnetenhaus in dem Beschluss „Mehr soziale Sicherheit für VHS-Dozent*innen“ am 04.06.2020 bekräftigt. Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass die Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg bald wieder zu einer Institution wird, die ihren öffentlichen Auftrag in der Erwachsenenbildung erfüllt.

Wir wollen eine VHS, die ausreichende Kursangebote im Bezirk anbietet und die fair mit angestellten und freiberuflichen Mitarbeiter*innen umgeht.

 

Mit freundlichen Grüßen

Berliner VHS-Dozent*innen-Vertretung
i. A. Linda Guzzetti, Dieter Hartmann, Mira Köller, Beate Strenge
unterstützt von André Pollmann, ver.di Berlin-Brandenburg, Fachbereich Bildung, Wissenschaft, Forschung
T: +49 30 8866 – 5304 – andre.pollmann@verdi.de